Zum Prüfungsverständnis

"Den Wert eines Menschen und eines Diamanten erkennst du erst, wenn du sie aus der Fassung bringst" (Orientalische Weisheit)

Auch in unserem Dojo werden Gürtelprüfungen durchgeführt.
Wenn der Schüler einen bestimmten Grad in der Entwicklung seiner Fähigkeiten erreicht hat, wird in der Prüfung Ende und Anfang einer Stufe sichtbar gemacht.
Um im Beisein der Mitschüler und dem Lehrer zu zeigen, was man kann, bedarf es Mut, Vertrauen und Selbstüberwindung.
Äußerlich setzt man sich den Bewertungen der Anderen aus. Dies bewirkt, dass wir dazu neigen, uns auf ein Ideal hin zu reflektieren. Der kleine Fehler, den wir machen, wird dann wichtiger als all unser Können. In dieser Haltung verlieren wir leicht die Einheit in unserem Handeln und blockieren uns selbst.
Wir können lernen, unsere Aufmerksamkeit auf unser Können zu lenken und nicht auf die Fehler.
Die innere Bewertung von Fehlern ist entscheidend für unseren Umgang mit ihnen.

Die Prüfungen, welche die Karatekas ablegen, sind sehr unterschiedlich. Es gibt keine absolut dogmatischen Prüfungsanforderungen, allerdings gibt es einige verbindliche Elemente in der Prüfung, wie zum Beispiel
die Grundschule (Charts),
die Kata (eine festgelegte Bewegungsform)
und die Selbstverteidigungstechniken.

Nach unserem Verständnis der Prüfungen geht es nicht primär um die perfekte Form (obwohl dies geübt wird), sondern um die geistige Haltung, die man in Prüfungen zeigt.
Das bedeutet, in den Gürtelprüfungen werden nicht nur die äußeren Dinge gewürdigt und angesprochen, sondern ebenso Fragen gestellt, die auf die geistige Dimension gerichtet sind.

Letztlich sind die Prüfungen im Dojo auf dem Weg der Kampfkunst ein Lernfeld, um mit den Prüfungen und Krisen, die das Leben uns bereithält, besser umgehen zu können. Wenn wir bereit sind, unsere Prüfungen im Leben, in der Haltung, der Wertschätzung und Achtsamkeit anzunehmen, erschließt sich uns eine tiefere Wahrheit und Erkenntnis, die oft über das hinausgeht, was unser Verstand sich so ausmalt.
Eine Erkenntnis wird sein, dass man lernt zwischen Prüfungen (auch im Sinne von Leid), die ich selbst verursacht habe, und denen, die in der Natur meiner Existenz liegen, zu unterscheiden.
Beide Wege führen jedoch, wenn wir bereit sind sie anzunehmen, zu einer umfassenderen Selbsterkenntnis, die uns das größte Maß an Selbstbestimmung und Freiheit ermöglicht.
Mit der Erkenntnis, dass wir selbst viele Prüfungen und Krisen auslösen, haben wir die Chance, unsere Begrenzungen zu überwinden, unbewusste Anteile unserer Persönlichkeit wieder zu integrieren und Autonomie und Selbstverantwortung zu entwickeln und zu leben.